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Reisebericht Juli 2008 Als Sandra und ich am im Tierheim in MC ankamen, traf uns erst einmal der Schlag. Wir betraten das neu errichtete Haus und standen zunächst im Chaos. Kisten mit medizinischem Material, welches von der Kastrationsaktion übrig geblieben war, stapelten sich überall. Im zukünftigen Aufwachraum der Praxis tummelte sich eine Truppe kranker Welpen, die an Durchfall litten und ihre Umgebung entsprechend gestalteten Topi, ein verletzter Junghund mit verbundenem Beinchen war im Behandlungszimmer untergebracht. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort, um sich zu entleeren, hatte sie zwei Kisten mit medizinischem Material für geeignet befunden und sich darin verewigt. Im oberen Stockwerk des Hauses, wo die Büroräume untergebracht sind, wartete dann die nächste Überraschung auf uns. Eine Katzenfamilie. Zwei Katzenmütter mit ihren Babys bewohnten Sofa und Sessel, aus mehreren Katzentoiletten duftete es intensiv.
Uns fiel
im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade herunter. Es war einer der Momente,
wo man tief durchatmen und sich sagen muss: Nun erst mal runter
kommen, bloß nicht vorschnell jemanden anmeckern. Wir verschoben
das notwendige Gespräch also auf einen passenderen Zeitpunkt. Am nächsten Morgen trafen wir uns nach dem Frühstück mit Magda und Eva im Tierheim. Die beiden freuten sich wie immer wie verrückt, uns zu sehen. Auch Gabi umarmte und küsste uns herzlich. Bei so einer fröhlichen Begrüßung wurde auch unsere Laune gleich wieder besser. Vorsichtig schnitten wir die Zustände im Haus an. Ja, wir verstanden, dass es für die kleinen kranken Welpen im Tierheim sonst keinen vernünftigen Platz gab. Ja, wir verstanden auch, dass Topi mit ihrem verletzten Bein unmöglich bei ihren Geschwistern im Zwinger bleiben konnte. Und ja, wir konnten auch Gabis Tränen nachvollziehen, die bereits ein Donnerwetter von Magda und Eva über sich hatte ergehen lassen müssen, weil sie die Katzenfamilie Kindern weggenommen hatte, die sehr grob mit ihnen spielten und sich nicht anders zu helfen wusste, als sie ins Tierheim ins Haus zu bringen. Klar, wir verstanden das alles. Im Gegenzug verstanden Magda, Eva und Gabi, dass das Haus innerhalb weniger Monate einer Ruine gleichen würde, wenn es nun als Unterschlupf für alle Tiere herhalten müsste, von denen man sonst nicht weiß, wohin mit ihnen. Na, da waren wir uns ja alle einig, und nun? In den nächsten Tagen dröselte sich alles nach und nach auf. Für die Welpen entstand vor dem Haus auf der Wiese ein eigenes Gehege - inzwischen Kindergarten getauft. Andras, der zu dem Zeitpunkt noch nicht eingestellt war, wurde gebeten, das medizinische Material zu sortieren und aufzuräumen nach ein paar Tagen war das Chaos verschwunden. Mit Topi lebte man einfach und wischte ihr hinterher. Ein Hund ist kein Hund, das sahen dann auch wir irgendwann ein, so war sie eben einfach der Praxisbewohner, was solls. Und die Katzen, tja, die Katzen. Tagelang predigten wir Gabi, dass wir die Katzen keinesfalls mitnehmen würden. Nein, nein, nein. Keine Katzen! Es gibt auch bei uns schon genügend herrenlose Katzen, sie lassen sich daher auch nur schwer vermitteln und überhaupt, so etwas darf erst gar nicht einreißen. Dieses und ähnliches Zeugs hörte ich mich aus vollster Überzeugung reden bis, ja bis sich am vorletzten Tag einer dieser Minitiger auf meine Hand setzte. Damit hatte meine Standhaftigkeit ein jähes Ende und die Katzentruppe ihr Ticket in den Pfoten. Inzwischen gehören die beiden Mamas zu meiner Familie und die Babys sind alle gut vermittelt.
Den neuen Tierarzt Dr. Roth, von dem wir bisher nur gehört hatten, sollten wir nun persönlich treffen. Es gab einiges zu besprechen, denn wir hatten vor, Dr. Roth fest zu bezahlen, falls seine und unsere Vorstellungen von einer tierärztlichen Arbeit im Tierheim miteinander konform gehen sollten. Er kam wie an den meisten Nachmittagen gegen 15 Uhr ins Tierheim und wir begleiteten ihn auf seinem Rundgang. Dabei konnten wir zu unserer Zufriedenheit feststellen, dass er die Hunde, die uns aufgrund gesundheitlicher Probleme aufgefallen waren, ebenfalls kannte. Er erklärte uns, welche Therapien er in den jeweiligen Fällen eingeleitet hatte. Auch Smillas schlimmes Bein wurde täglich lokal versorgt, außerdem erhielt sie eine Antibiose. Unsere Sorgen vom Ankunftstag wurden auf dieser Runde von Gehege zu Gehege ein bisschen kleiner. Wenn ich das so schreibe, dann darf man das nicht falsch verstehen. Die Zustände im Tierheim sind durch die schwierigen Bedingungen nach wie vor meilenweit entfernt von erträglich. Aber mit Dr. Roth hatte es wieder eine Verbesserung gegeben und darüber freuen wir uns sehr.
Später lud uns Dr. Roth in sein Haus ein, um alle weiteren Dinge in Ruhe durchzusprechen. So lernten wir ihn und seine liebe Frau bei Kaffee und Kuchen etwas besser kennen. Wir waren froh, zu erfahren, dass Herr Dr. Roth eine gut ausgerüstete Praxis inklusive Röntgen- und Ultraschallgerät besitzt und dass er durch seine langjährige tierärztliche Tätigkeit in Deutschland unserer Vorstellung von einer medizinischen Grundversorgung der Tierheimhunde folgen konnte. Gemeinsam einigten wir uns darauf, dass Herr Dr. Roth täglich 3-4 Stunden im Tierheim für die Hunde da sein wird. Er ist nun dafür zuständig, die Hunde medizinisch zu versorgen, sie zu impfen, gegen Parasiten zu behandeln, zu kastrieren und zu chippen. Ich denke, wir sind uns alle im Klaren darüber, dass die Anwesenheit eines einzelnen Arztes von täglich 3-4 Stunden niemals ausreichen kann, um 350 Hunde optimal zu betreuen, mehr ist momentan finanziell nicht möglich. Mit Dr. Roth unterhielten wir uns auch über ein weiteres Problem im Tierheim. Die Arbeiter setzten Magda und Evas Anweisungen nicht immer so um, wie ihnen das gesagt wurde. Insbesondere der Arbeiter, der von der Stadt finanziert wird, war in letzter Zeit immer öfter der Meinung, dass er sich von zwei Frauen nicht sagen lassen muss, was er zu tun hat. Nun gibt es ja Dinge, die man nicht so eng sehen muss. Wenn aber u.a. die Anweisung, unkastrierte Hündinnen und Rüden strikt zu trennen, nicht zuverlässig beachtet wird, dann erreicht man einen Punkt, wo man durchgreifen muss. Dr. Roth legte uns etwas nahe, was auch wir während unserer letzten Besuche bereits erkannt hatten. Andras, der bisher auf rein ehrenamtlicher Basis häufig im Tierheim half, war der einzige Mensch, der es schaffen konnte, eine klarere Struktur im Tierheimbetrieb zu schaffen. Er verfügt über das logistische Gespür für solche Dinge, hat eine tolle Einstellung zu den Hunden und die Arbeiter respektieren seine Hinweise. Magda, Eva und Dr. Roth baten uns, Andras als Verwalter fest für das Tierheim einzustellen. Wir beratschlagten hin und her, telefonierten mit dem Rest des Vorstands in Deutschland, rechneten und kalkulierten. Es würde auf dem Konto verdammt eng werden. Inzwischen haben wir Andras tatsächlich als Verwalter eingestellt. Er ist unverzichtbar für das Tierheim, ohne ihn würde dort alles zusammenbrechen. Wir können nicht von ihm verlangen, dass er den ganzen Tag für das Tierheim schuftet, ohne dafür entlohnt zu werden auch er hat eine Familie zu ernähren.
Am Abreisetag hieß dann noch einmal Ärmel hochkrempeln. Das Verladen der Hunde ist immer ein Kraftakt. Wenn man die Hunde durch das Tierheim zum Transporter trägt, entsteht meist ein Krach, der kaum auszuhalten ist. 350 Hunde merken sofort, dass etwas Ungewöhnliches passiert und drehen quasi durch. Alles bellt und springt an den Gittern hoch, die Luft ist aufgeheizt, sie kocht förmlich. Sandra und ich wollten dieses Szenario so lange es geht in Grenzen halten und beschlossen, die Hunde, die wir selbst tragen konnten, alleine einzuladen. Im Zeitlupentempo schlichen wir durch das Tierheim und tatsächlich lief alles wesentlich ruhiger ab, als wenn alle anwesenden Personen helfen wollten und hektisch durch das Tierheim rannten. Auch die Katzen bekamen ihre Box, schön kuschelig ausgepolstert, ganz hinten im Wagen. Die letzten 10 Hunde aber waren echte Brocken und so waren wir letztendlich doch auf die Hilfe der anderen angewiesen. Janos und Joshka liefen gleichzeitig los und wie erwartet brach im Tierheim die Aufregung aus. Zum Schluss fehlte nur noch Django. Ein großer grau-weißer Rüde, der in Zone 3 an der Kette lebte. Django lief als Welpe ausgesetzt in den Straßen umher und wurde dort von einem Auto angefahren und verletzt. Er rettete sich in einen Park. Dort wurde er von einigen Frauen mit Futter versorgt, doch eines Tages drohte man, ihn zu vergiften. So wurde der freundliche Junghund ins Tierheim gebracht. Da er in allen Zwingern von den anderen Hunden gemobbt und immer wieder schwer verletzt wurde, landete er schließlich in Kettenhaltung. Die folgenden 6 Jahre waren seine Hütte und das bisschen Drumherum, das seine Kette zuließ, sein ganzes Leben. Nun war für ihn der Tag gekommen, an dem er in die Freiheit fahren durfte. Ein Hund, der seit Jahren in einem extrem begrenzten Umfeld gelebt hat, reagiert auf eine derart fremde Situation normalerweise mit Stress, Unsicherheit, vielleicht sogar Angst. Nicht so Django. Nie werde ich den Moment vergessen, als Andras mit ihm um die Ecke bog. Er führte Django an der lockeren Leine und der große Rüde lief völlig ruhig hinter Andras her vorbei an anderen Kettenhunden, die versuchten, nach ihm zu schnappen, vorbei an Zwingern, in denen Hunde wie wild gegen die Gitter sprangen und die Zähne fletschten, vorbei an uns und schließlich in den Wagen hinein, wo Andras ihn in seine Box setzte. Django hatte sich nicht eine Sekunde aus der Ruhe bringen lassen. Er folgte Andras mit einem grenzenlosen Vertrauen, scheinbar mit dem Wissen, dass dieser ihm schon den richtigen Weg weisen würde. Diese Szene spiegelte für mich alles wider, was Veränderung bedeutet. Es war ein Abschied und ein Neubeginn, ein Ende und ein Anfang, es war Hingabe an den Lauf der Dinge.
Ich denke an all diejenigen, die sich auf den Weg gemacht haben, auf den Weg ins Leben oder in eine andere Welt. Ich denke an jene, die darauf warten, endlich den ersten Schritt tun zu dürfen. Ich danke von Herzen allen, die dazu beitragen, Wege zu ebnen. Constanze Haag Stufen Wie jede
Blüte welkt und jede Jugend
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